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Ach wie so trügerisch

Giuseppe Verdi und Richard Wagner, beide 1813 geboren, sind mit ihrer Kunst musiktheatraler Wahrheit brennend gegenwärtig geblieben. Tägliche Verdi- und Wagner-Aufführungen in der Welt beweisen es. Ihr Erbe ist umkämpft, auf unterschiedliche Weise: Wagners Lebenswerk ist in Bayreuth so sicher verwahrt wie das Gold in Fort Knox, die Erinnerung an ihn eine Frage der Ehre innerhalb der zerstrittenen Familie. Für Verdi, den Mann der Po-Ebene, ist die Gegend um Parma Zentrum geblieben, dort gedeiht die populäre wie auch wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm.

Die Villa mit den Schätzen des Nachlasses wird heute von der Familie Carrara-Verdi, den Nachkommen in vierter Generation, bewohnt. In Parma aber, einer der reichsten Städte Italiens, existiert seit 1959 ein Nationales Verdi-Institut, das Musikforscher aus aller Welt nutzen, vor allem zur Untersuchung der 26 Opern und der ca. 35.000 Briefe. Eingeschlossen die Erforschung des kulturellen Hintergrunds dieser europäischen Jahrhundertfigur. Doch Parma, Stadt des Verdi-Dirigenten Toscanini, vernachlässigt das kostbare Erbe. Mit anderen Worten: Man hat das Verdi-Institut vor acht Monaten geschlossen. Sammlungen aus Partituren, Tonträgern, Tausenden Büchern, Photos, Dokumenten und Forschungsmaterialien, in Umzugskartons verpackt, modern Staub und Schimmel entgegen. Die von der Stadt zugeteilten neuen Räume sind noch nicht frei und bezugsfertig. Ansonsten hat Parma aber Geld für ein Millionen teures Baseballstadion.

Um der Verdi-Katastrophe entgegenzusteuern, gibt es seit einem Jahr eine Internationale Giuseppe-Verdi-Stiftung – ansässig in Deutschland, gegründet von einem bei München lebenden Niederländer, dem Komponisten, Dirigenten und Verdi-Liebhaber Frank von Strijthagen, und dem ebenfalls in München lebenden Künstler Nikos W. Dettmer. Als wissenschaftlichen Beirat konnten sie Sieghart Döhring gewinnen, den international angesehenen Opernforscher. Da eine Stiftungsgründung in Deutschland aber ein Grundkapital und einen Stiftungsrat erfordert hätte, wich man in die Niederlande aus, wo lediglich eine klare Zielsetzung, ein staatlich geprüfter Vorstand und ein Notar nötig sind.

Neulich wurde der “Sehr geehrte, liebe Maestro Muti” durch Strijthagen von den Plänen der einzigen Verdi-Stiftung nördlich der Alpen unterrichtet. Und Riccardo Muti, bis 2006 Musikdirektor der Mailänder Scala, zeigt sich interessiert. Wahrscheinlich wusste er bis dahin nicht, dass das Verdi-Institut in Parma wegen 4.000 € Monatsmiete seine Räume verlassen musste. Auch nicht, dass sich ein vermögender niederländischer Verdi-Fan bereit erklärt hat, 350.000 € in den Ankauf einer Immobilie in Parma zu investieren, die dem Verdi-Institut als Heimstatt dienen soll. Darauf reagierte dessen jahrzehntelanger Leiter, der 76-jährige Musikologe Pierluigi Petrobelli, zunächst reserviert. Denn das Institut ist eine nationale Angelegenheit.

Das Unglück begann, als das Institut von einer staatlichen Institution 2001 in eine private Stiftung überführt wurde, in der der Parmalat-Konzern ein Wort mitzureden hatte. Noch in Verdis 100. Todesjahr waren die entsprechenden Festivitäten in Parma und Umgebung luxuriös betrieben worden. Dann ging Parmalat in Insolvenz, es folgte der Abstieg. Seit März ist das Institut “vorübergehend” geschlossen, eine Lösung der Probleme in weite Ferne gerückt.

Frank van Strijthagen, in Maastricht Mitbegründer eines Festivals Musica Sacra, das er mit dem Bayerischen Rundfunk auch in München etablieren will, verfolgt mit Sieghart Döhring weitgesteckte Ziele: Nicht bloß die Rettung des in seiner Existenz bedrohten Istituto nazionale di Studi Verdiani, nicht nur die Kooperation des Instituts mit anderen Musikinstitutionen, eine engere Zusammenarbeit mit den Verdi-Nachfahren auf dem Landgut von Sant“Agata, sondern die “Förderung der Verdi-Forschung über nationale Grenzen hinweg” (Döhring). Und das Verdi-Institut könnte eines Tages sogar in der Villa Verdi sein Zuhause finden.

Ein Gerücht besagt allerdings, die Villa von Sant“Agata stünde demnächst zum Verkauf an. Die Veräußerung der Kultur Italiens an private Träger und Interessen schreitet galoppierend voran, derweil die überkommenen Strukturen, Institutionen und deren erprobte Protagonisten alt und ratlos geworden zu sein scheinen. Strijthagen und Döhring berichten, dass vor einiger Zeit ein Konvolut mit 235 unveröffentlichten Verdi-Briefen aufgetaucht sei und für etwa 350. 000 € angeboten wurde: die Alterskorrespondenz sozusagen im Dreieck zwischen Verdi, seiner zweiten Frau Giuseppina Strepponi und der beiden nahen Sängerin Teresa Stolz. Der Kasseler Bärenreiter-Verlag ist an der Herausgabe dieser Korrespondenz interessiert, er würde allerdings nur eine fünfstellige Summe für Verdis Briefe ausgeben.

Gerade hat zum zweiten Mal in Parma und Umgebung ein Verdi-Festival stattgefunden, das Rom dreieinhalb Mio. € wert war. Dass aber für 235 Verdi-Briefe, also “Grundlagenkultur”, kein Restgeld da ist und offenbar kein Interesse, wirft Licht auf den Umgang Italiens mit der Symbolfigur Verdi. Eine holländische Stiftung in Deutschland würde sie gern eines Besseren belehren. (26/11/08; Quelle: Süddeutsche Zeitung)

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