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Der Traum vom Windjammer
Es ist vielleicht nicht das größte und teuerste Schiffbauprojekt in Deutschland - aber doch das romantischste: Ein neuer Windjammer ist auf Kiel gelegt. Die Deutsche Stiftung Sail Training (DSST) gab jetzt bekannt, dass die Finanzierung für den Nachfolger des Segelschulschiffs "Alexander von Humboldt" gesichert ist. Damit entsteht nach mehr als 50 Jahren erstmals wieder ein Großsegler unter deutscher Flagge.
Darüber hinaus ist nun auch klar, wie es um die heute noch fahrende “Alexander von Humboldt” steht. Das einstige Feuerschiff, das 20 Jahre für die DSST fuhr und aus der Werbung für eine Biermarke bekannt ist, soll spätestens 2011 außer Dienst gestellt werden. Was danach mit dem leicht maroden Oldtimer wird, können oder wollen die Eigner noch nicht sagen.
2011 soll das Neubauprojekt “Alexander von Humboldt II” erstmals in See stechen und bis zu 60 Mitseglern – also fast doppelt so vielen wie bisher – Leben und Arbeit auf einem Rahsegler vermitteln. “Damit diese alte Kunst nicht in Vergessenheit gerät”, sagt Reimer Peters von der DSST. Im Mai soll der Bauauftrag vergeben werden. Trotzdem wurde mit dem Bau schon begonnen: Am 11. Dezember erfolgte auf dem Gelände der ehemaligen Bremer Vulcan-Werft die Kiellegung. Die Nacht-und-Nebel-Aktion hat rechtliche Gründe: Nach einer Neufassung der Vorschriften der Internationalen Seefahrtsorganisation hätte die “Alexander von Humboldt II” ab dem 1. Januar 2009 nicht mehr als Spezialschiff, sondern nur als Passagierschiff zugelassen werden können. Die damit verbundenen weiteren Aufwendungen für Sicherheitsausstattung hätten die Baukosten um mindestens 50 Prozent verteuert.
Es musste also schnell gehandelt werden. Für den kompletten Bau war zwar keine Zeit mehr, zumal die Finanzierung noch gar nicht stand. Also zog die Stiftung die Kiellegung vor – durch diesen Kniff liegt der Baubeginn noch im Jahr 2008. Die Kosten für die 65 Meter lange Bark – ein Schiff mit zwei rahgetakelten Masten sowie einem hinteren Mast mit sogenannten Schratsegeln – werden rund 15 Mio. € betragen.
Die Hälfte wird aus öffentlichen Mitteln finanziert, die die Bremer Landesbank über die Kreditanstalt für Wiederaufbau bereitstellt. Den Rest will die Stiftung über Eigenkapital, Geld- und Sachspenden aufbringen. Davon sind schon mehr als 3,7 Mio. € zusammen. Wann der Kredit abbezahlt sein wird, behält die Stiftung für sich – aber “es dauert nicht so lange wie beim Eigenheim”, so Peters.
Dabei helfen schon die Mitsegler, die an elf Monaten im Jahr die sieben Meere bereisen. Bis zu 40.000 Menschen waren bisher mit der “Alexander von Humboldt” unterwegs. Die Auslastung auf dem Schulschiff lag in 20 Jahren insgesamt bei 93 % – ein Wert, von dem viele Luxushotels nur träumen können. Dabei buchen die Mitsegler alles andere als eine Kreuzfahrt: “Man geht von Bord mit Schwielen an den Händen – aber auch mit einer wundervollen, einzigartigen Erfahrung”, sagt Helge Polzer, der sich seinen ersten Törn als Belohnung für den Abschluss des Studiums leistete. Heute gehört der 38-Jährige zur Stammbesatzung und verbringt drei Wochen im Jahr auf See und zu Instandsetzungsarbeiten in der Werft. Die Begeisterung für Rahsegler, in der Jugend durch Filme wie “Der rote Korsar” oder “Des Königs Admiral” geweckt, ist bis heute geblieben – trotz harter Arbeit. “Die gehört einfach dazu, auch für zahlende Gäste. Aber ich habe es in all den Jahren nur zweimal erlebt, dass jemand vor der Zeit vom Schiff gegangen ist.”
Im Vergleich zu einer Segelkreuzfahrt ist Engagement – bis zum Aufentern ins Rigg – erwünscht und auch notwendig. Natürlich liegt der Preis für Gäste auch bedeutend niedriger als in der Fünf-Sterne-Gastronomie: Schon für 90 € pro Tag kann man an Bord gehen, darin enthalten sind Vollverpflegung sowie Diesel, Lotsen- und Hafengebühren.
Die Stiftung als Eigentümer der Bark muss die Einnahmen aus dem Betrieb allerdings umgehend wieder investieren, Rücklagen dürfen nicht gebildet werden. Daher war ein Kredit für den Neubau unumgänglich. Das Unternehmen Alexander von Humboldt floriert auch nur, weil die gesamte Besatzung ehrenamtlich mitfährt und sogar die eigene Anreise selbst bezahlt; lediglich Kost und Logis sind gratis.
Das neue Schiff wird für Stamm und Gäste in komfortablen Vier-Bett-Kabinen erheblich mehr Platz bieten und mit aller verfügbarer Technik ausgerüstet sein, die lange Törns rund um die Welt ermöglicht: Das Schiff erhält eine Biokläranlage, Wasseraufbereitung und Klimaanlage. Auch die Sicherheitsausstattung ist nicht von gestern: Einrichtungen wie Radar und Funk sind doppelt angelegt, um bei einem Ausfall Reserven zu haben.
Wer sich die Zeichnung des Neubaus genauer anschaut, wird einen alten Bekannten wiedererkennen: Als Vorbild für den Dreimaster diente die Gorch-Fock-Klasse. “Das ist ein Schiffstyp, der sich weltweit durchgesetzt hat”, sagt Topps-Matrose Helge Polzer.
In der Farbgebung erlaubt sich die DSST aber eine kleine Revolution: Weder Rumpf noch Segel werden grün sein. “Die alten Farben waren ein Zugeständnis gegenüber unserem Sponsor Beck’s. Bei dem neuen Schiff wird das nicht mehr nötig sein”, erklärt Reimer Peters.
Die “Alexander von Humboldt II” erhält das schlichte Kleid, das Generationen von deutschen Segelschiffen trugen: schwarzer Rumpf, weißer Wasserpass (die angedeutete Wasserlinie), weiße Aufbauten und ein rotes Unterwasserschiff – falls nicht noch ein neuer Sponsor Mitspracherechte erwirbt. (02/02/09; Quelle: Welt Online)



