Akteure & Konzepte
Projekte & Programme
Einmal Naumburg und zurück
Tatsächlich ließe sich von einer "Nietzsche-Straße" reden, die von Sachsen-Anhalt aus die wichtigsten mitteldeutschen Lebensstationen des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) verbindet. Nietzsche, der Denker der Moderne, der streitbare Philosoph einer individuellen Selbstverwirklichung: Vom Geburtsort Röcken bei Lützen aus zieht sich sein Weg über die Kindheitsorte Naumburg und Schulpforte, hin nach Leipzig, Tautenburg, Weimar, wo Nietzsche 55-jährig gestorben ist.
Aber die Nietzsche-Straße führt von Mitteldeutschland aus weit über dasselbe hinaus. Sie bietet Anschlüsse nach Süd- und Westeuropa. Und sie führt nach Naumburg zurück, wo in der Zukunft der Kosmos Nietzsche sein organisatorisches, ja vielleicht geistiges Zentrum finden kann. So wächst im Hof des Hauses Weingarten 18, in dem der schwerkranke Philosoph von 1889 bis 1897 von seiner Mutter gepflegt wurde und das seit 1994 ein Nietzsche-Museum beherbergt, ein bemerkenswerter Bau empor: das vom Weimarer Architekturbüro Kirchmeier Graw & Brück entworfene Nietzsche-Dokumentations- und Ausstellungszentrum.
Der studierte Philosoph Ralf Eichberg ist einer der maßgeblichen Vordenker und Beschleuniger des Projektes, das mit dem Titel des im Jahr 2003 von ihm verfassten 60-seitigen Masterplanes “Nietzsche in Sachsen-Anhalt” zu umreißen wäre. Im schwarzen Mantel führt der 46-Jährige durch das im Winter geschlossene Nietzsche-Museum. Verwinkelte, ausstellungstechnisch klug genutzte Räume, in denen die kleinbürgerliche Naumburger Lebenswelt des 19. Jahrhunderts konserviert ist.
Eichberg ist Geschäftsführer der von ihm gegründeten Nietzsche-Gesellschaft und Mitglied im Direktorium der im September 2008 aus der Taufe gehobenen Nietzsche-Stiftung. Im Frühjahr wird der in Dehlitz bei Lützen lebende Philosoph, der seine Diplomarbeit über “Die Nietzsche-Rezeption in der Sozialdemokratie” verfasste, an der Humboldt-Universität über “Freunde, Jünger und Herausgeber – Zur Geschichte der frühen Nietzsche-Editionen” promovieren.
“Für mich ist Nietzsche vor allem der Philosoph des freien Geistes”, sagt Eichberg. Sein Werk sei eine stete “Aufforderung zur persönlichen Autonomie”, ein Plädoyer für die “Unauswechselbarkeit des Einzelnen”. Um die Ertüchtigung des Einzelnen in Zeiten der Massen-Kultur gehe es Eichberg ja auch, wenn er sich für das Werk des Philosophen engagiert.
Ralf Eichberg erläutert das Modell des Nietzsche-Zentrums. Drei Stockwerke soll der elegant geometrisch in Holz und Beton ausgeführte, von einer Glashülle gefasste Bau zählen. Das Archiv im Untergeschoss, darüber das Foyer mit Café und Laden, im ersten Obergeschoss Büros und Sonderausstellungen, ein Vortragssaal obenauf. 2,7 Mio. € kostet der öffentlich finanzierte Bau, der 2010 vollendet sein soll. Dieser ist der erste Nietzsche gewidmete Zweckbau nach der von 1937 bis 1939 von Paul Schultze-Naumburg angelegten, unvollendet gebliebenen Nietzsche-Gedächtnishalle in Weimar.
Selbstverständlich sei der Neubau ein Glücksfall, bestätigt Eichberg. Künftig sollen von diesem Haus aus die regionalen Aktivitäten in Sachen Nietzsche gesteuert werden: die Arbeit der Museen und Gedenkstätten in Röcken, Naumburg und Schulpforte sowie die Vorhaben von Forschung und Bildung: Nietzsche-Kongresse, Nietzsche-Werkstatt Schulpforta, Jahrbuch für Nietzsche-Forschung, die Arbeit des Dokumentationszentrums. Die buchstäbliche Basis des Zentrums bildet die von 1946 an zusammengetragene Nietzsche-Sammlung des 1925 in Buffalo (New York) geborenen Germanisten Richard F. Krummel, die größte Privatsammlung zur Rezeption des Denkers, die sämtliche Druckwerke von und über Nietzsche bieten will. Von der Stadt Naumburg für 150.000 € angekauft, soll die Sammlung vor Ort nicht nur fortgeführt, sondern um Filme, Tonträger, Kunstwerke erweitert werden, ein unbedingt nützlicher Einsatz.
Allesamt Aktivitäten, die also von der Nietzsche-Stiftung zu lenken wären, die im Idealfall die Personal- und Betriebskosten in Sachen “Nietzsche in Sachsen-Anhalt” tragen würde. Doch davon ist man noch weit entfernt. Von dem als notwendig erachteten Kapitalstock von 3,5 Mio. € wurden erst 62. 000 € zusammengetragen, wenn auch international gut verteilt; 82 Stifter zählt man heute. So wird denn auch augenfällig, was die Stiftung benötigt: starke private und gesellschaftliche Gönner, die nicht nur Geld, sondern auch Öffentlichkeit bescheren – und von Seiten der Stiftung einen Einsatz, der das alsbald möglich macht.
Es würde sich lohnen. Im so sinnvollen wie einzigartigen Verbund von Museum, Dokumentationszentrum und Stiftungssitz hat man die Chance, sich neben dem Nietzsche-Archiv und Kolleg in Weimar und dem Nietzsche-Haus im schweizerischen Sils-Maria als mindestens gleichrangige Gedenk- und Forschungsstätte von europäischem Format zu etablieren. Das ist nicht nur eine Chance für den Klassiker Nietzsche, sondern auch für die Kulturregion, aus der heraus er gewachsen ist – und die sich künftig auch an ihrer tätigen Solidarität für das Naumburger Projekt wird messen lassen müssen. (20/01/09; Quelle: Mitteldeutsche Zeitung)



