Akteure & Konzepte
Projekte & Programme
Immer mehr Angehörige forschen nachsowjetischen Kriegsgefangenen
70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion forschen nach Beobachtung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten immer mehr Angehörige in Deutschland nach Spuren ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener. Dokumente dazu seien in russischen Archiven erst seit Ende der 1990er Jahre zugänglich, sagte der Experte der Stiftung, Rolf Keller, im am Dienstag in Celle. "Millionen dieser Unterlagen werden nach und nach erschlossen und sind zunehmend auch im Internet abrufbar."
Allein in Niedersachsen gebe es rund 100 Nachfragen von Angehörigen im Monat, schätzt Keller, der für die Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle die Ausstellung über die Kriegsgefangenen des ehemaligen Lagers entwickelt hat. Die Gedenkstätte habe mittlerweile eine Mitarbeiterin beauftragt, die Angehörige betreut. Einige reisten ganz spontan nach Deutschland, um nach Gräbern zu suchen. “Sie wollen vor allem Gewissheit haben, was aus ihren Vätern und Großvätern geworden ist.”
Selbst wenn in der Nähe großer Lager die Gefangenen in Massengräber bestattet wurden, lasse sich die Lage einzelner Gräber oft bis heute nachvollziehen, sagte Keller. Allerdings seien viele Friedhöfe nach dem Krieg grundlegend umgestaltet worden. “Es stellt uns auch vor Herausforderungen, wenn jetzt Hunderttausende von Namen bekanntwerden.” Es brauche Konzepte und Geld, um den Angehörigen und dem Gräbergesetz gerecht zu werden. Nach dem Gesetz sollten die Namen möglichst an den Friedhöfen nachzulesen sein.
“Die früheren Kriegsgefangenen sind zum Teil noch immer vergessene Opfer, deren Geschichte weiter aufgearbeitet werden muss”, betonte Keller. Vielerorts gebe es etwa in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Projekte. So erinnerten am Friedhof Hörsten bei Bergen-Belsen Schüler an die dort begrabenen Kriegsgefangenen, indem sie Tontafeln mit deren Namen erstellten.
Durch Anfragen von Angehörigen gebe es mancherorts auch persönliche Kontakte und dadurch kleine Versöhnungsprojekte. “Viele bemühen sich, insgesamt läuft das aber noch ziemlich unorganisiert”, sagte Keller weiter. Die Stiftung Gedenkstätten arbeite derzeit gefördert vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium an der Dokumentation der Einsatzorte von Kriegsgefangenen im Land, um die Datenbasis zu verbessern.
Allein in Niedersachsen sind Keller zufolge bis zu 120.000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene begraben. Die größten Friedhöfe gibt es in der Lüneburger Heide und im Emsland sowie in Sandbostel bei Bremen. (23/06/11; Quelle: Evangelischer Pressedienst)



