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Ein wenig verdunkelt sich der Himmel über dem Herderplatz, als Luther aus dem Gemäuer des Kirchturms hervor bricht. Behände fährt er auf, obwohl er viel voluminöser ist als Herder und Bach, schaut kurz über die Skyline, wobei er nicht ganz so schwerelos wirkt wie ein Engel, aber immerhin wie eine Glocke, die am Ausleger eines Krans hängt, bis er schließlich langsam dem Pflasterstrand entgegen schwebt, wo ihn Dutzende applaudierend willkommen heißen.

Das phantastische Schauspiel des Auszugs dreier Glocken aus dem Turm der Stadtkirche fesselte gestern Vormittag weit mehr als nur den Pfarrer. Thomas Geßners Lachen reicht von einem Ohr zum anderen. Einesteils ist er erleichtert darüber, dass es den Glockenspezialisten um Steffen Willing aus Gräfenhain gelungen ist, die drei Schwergewichte schadlos und unfallfrei auf den Boden zu holen. Zum anderen kann er selbst vier Jahre nachdem die evangelische Gemeinde erstmals dazu aufgerufen hatte, für ein neues Geläut zu spenden, seine Freude über das gigantische Engagement der Weimarer und ihrer Freunde kaum überspielen: “Ich bin platt: Bis heute gehen immer noch weitere Spenden ein.”

Wie wichtig solcher Ehrgeiz ist, zeigt die Rechnung, die mit fortschreitender Zeit immer höher ausfällt. Hatte der damalige Superintendent Wolfram Lässig 2005 nach mit 130.000 € kalkuliert, trat die Gemeinde vor zwei Jahren mit dem Ziel an, 187.000 Spenden-Euro zu sammeln. Preisschwankungen und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise haben die nun noch einmal in die Höhe getrieben. Zur Zeit muss von einem Investitionsvolumen von 197.000 € ausgegangen werden.

Der Turmuhrmacher Manfred Willing, Begründer jenes Unternehmens, das im Auftrag der Weimarer Kirchgemeinde den Ausbau des alten, lädierten Geläuts und die Montage der neuen Glocken übernommen hat, senkt den Camcorder und legt den Kopf in den Nacken. Die Faszination fürs Übermannshohe packt ihn immer noch, trotz Ruhestandes. Auch wenn die lineare Läuteanlage, die Willings im Herbst in der Stadtkirche einbauen werden, die Glocken elektronisch in Bewegung setzen kann, so sollte die Hightech-Maschinerie doch auch den archaischen Zugriff zulassen: Da wird sich noch ein Seil spannen lassen, mit dem von Hand geläutet werden kann.

Um Herder, Luther und Bach aus dem Glockenstuhl zu heben, waren vor einigen Tagen Gewändesteine und Maßwerk aus der Wand worden. Die Steine sollen bei der Gelegenheit durch den Restaurator in Kur genommen werden. Ähnliches gilt für Glockenstuhl und einen Teil des Tragwerks im Turm, die mit Unterstützung der Städtebauförderung, der Dr.-Oetker-Stiftung und der oberen Denkmalbehörde saniert werden sollen.

Von den künftigen Glocken existieren im Moment allenfalls die Moleküle. Noch ist nichts gegossen, noch tüfteln die Experten der Passauer Glockengießerei Perner an den Gussformen. Erst wenn sie damit zufrieden sind, wird man sich auf einen Gusstermin einigen, einen Tag, den sich die Weimarer Gemeinde nicht entgehen lassen wird. Neue Glocken sind ein glückliches Geschick, über das sich Gemeinden in der Regel nur alle paar Jahrhunderte freuen dürfen. Die 70 Leute, die Ende August, Anfang September mit dem Bus zum Guss fahren werden, dürfen sich also getrost als Glückspilze betrachten, werden sich aber noch weiter gedulden müssen. Drei Wochen Zeit muss den neuen Glocken zum Aushärten gelassen werden.

Unterdessen sucht die Gemeinde für ihre alten drei Glocken eine neue Heimat. Sie sind und bleiben liturgische Instrumente, betont Geßner. Nicht unbedingt das höchste, aber das überzeugendste Gebot wird den Zuschlag bekommen.

Das erste Mal sollen die neuen Glocken zum Gottesdienst am 1. Oktober erklingen. Wer bis dahin vor Neugier zu platzen droht, kann den Klang online testen. (26/06/09; Quelle: TLZ.de)

Friedensglocken-Weimar.de

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