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Projekte & Programme

Neue Impulse für die deutsche Museumslandschaft

Kunst und Kulturen der Welt ausstellen und vermitteln – das ist eine der Hauptaufgaben ethnologischer Museen in aller Welt. Beim Betrachten solcher Ausstellungen sieht der Besucher lediglich einen Ausschnitt der Wirklichkeit – eine modifizierte Realität. Diese Realität wird durch Auswahl der Exponate, Art der Präsentation und letztlich der Textbeschreibung der Objekte von den Ausstellungsmachern vorinterpretiert. Was der Rezipient also tatsächlich vorfindet, ist ein Blick auf die Gesellschaft, der maßgeblich vom jeweiligen Zeitgeist, der politischen Situation und der Kultur der vorherrschenden Klasse des Landes bestimmt wird und somit einem stetigen Wandel unterliegt.

Gerade in nicht-westlichen Kulturkreisen hat die Globalisierung enormen Einfluss auf die museale Arbeit und die Ausstellungskonzepte ethnologischer Sammlungen. Welchen Stellenwert haben Museen in diesen Regionen? Sind sie heute noch durch ehemalige Kolonialmächte geprägt, oder sind sie zu Orten des kritischen Diskurses über die eigene Gesellschaft und deren Minderheiten geworden? Und was wiederum können deutsche Museen von ihnen lernen? Diesen Fragen gingen in den vergangenen drei Jahren Dr. Susan Kamel, Dr. Rainer Hatoum und Dr. Lidia Guzy in ihrem Forschungsprojekt „Vom Imperialmuseum zum Kommunikationszentrum? Zur neuen Rolle des Museums als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und nicht-westlichen Gesellschaften“ nach. Die VolkswagenStiftung förderte das Vorhaben in ihrem abgeschlossenen „Tandemprogramm“ mit rund 750.000 €.
Das Trio untersuchte bei mehrmonatigen Forschungsreisen Ausstellungs- und Darstellungskonzepte zahlreicher völkerkundlicher Museen in Indien, Nordamerika und Ägypten und gelangte dabei zu spannenden Erkenntnissen. „Im demokratischen Indien beziehen die Museen verstärkt Minderheiten in die Konzepte ein und emanzipieren sich so von der Kolonialvergangenheit“, berichtet Dr. Lidia Guzy von ihren Erfahrungen auf dem Subkontinent. Dr. Rainer Hatoum hat dagegen in Nordamerika eine ganz andere Entwicklung erlebt: „In der Siedlernation USA gehen die Indianer auf direkten Konfrontationskurs und erzwingen mit gerichtlichen Mitteln ihre Darstellung in völkerkundlichen Museen. Im Gegensatz zu Indien ist hier die Auseinandersetzung mit indigenen Gruppen in hohem Maße politisiert. Die Fronten sind mitunter so verhärtet, dass der Streit teils skurrile Ausmaße annimmt: Beispielsweise treten Aktivisten der Navajo-Indianer dafür ein, dass sämtliche außerhalb der Reservation befindlichen Tonaufnahmen ihrer rituellen Gesänge vernichtet werden.“ Dr. Susan Kamel, die sich bei ihren Forschungen auf Ägypten als Vertreter der islamischen Welt konzentrierte, sieht in vielen Museen eine massive Einflussnahme des Staates, so dass „die kritische Reflexion und der Umgang mit der eigenen Geschichte wegen der zentralisierten Museumspolitik stark eingeschränkt ist.“ Eine kritische Dynamik lasse sich aber in privaten Galerien und international geförderten Museumsprojekten beobachten.
Diese und andere Ergebnisse des Projektes werden bei einer Abschlusstagung diskutiert, die vom 24. bis zum 26.09.2009 im Auditorium des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem (Lansstr. 8, 14195 Berlin) stattfindet.
Die Konferenz gibt zugleich den Startschuss für die Ausstellung „Museumsinseln“ (23.09. bis 4.11. an gleicher Stelle), in der das Trio nationale und globale Tendenzen musealer Arbeit am Beispiel von drei Museen verdeutlicht. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstler Patrick Metzger entstanden großformatige Panaroma-Aufnahmen der Gebäude sowie zahlreiche kleinformatige Fotografien, die von beschreibenden Texten der Wissenschaftler, aber auch von Interviewauszügen, lokalen Gedichten und Liedpassagen begleitet werden. „Durch diese künstlerische Herangehensweise hat der Betrachter einen weniger vorgeprägten Blick auf die untersuchten Museen und kann sich seine eigene Meinung bilden, sich dabei aber auch stets an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren“, beschreibt Dr. Lidia Guzy das Grundkonzept. Interessierte haben am 23.09. um 18 Uhr Gelegenheit, die Ausstellung im Rahmen einer Vernissage zu besichtigen.
Für die Eröffnung der Konferenz konnten die Forscher drei bedeutende Persönlichkeiten der Berliner Kulturlandschaft gewinnen: Es begrüßen Helmut Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Ursula Lehmkuhl, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, sowie Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin. Zu Gast sind außerdem hochrangige Vertreter der untersuchten Regionen. Es sprechen unter anderem Steven Inglis, Hauptkurator des Canadian Museum of Civilization, Ossama Abdel Meguid, Direktor des Nubian Museum in Assuan, Kalyan Kumar Chakravarty, Kanzler der National University of Educational Planning and Administration in Neu Delhi, sowie Manuelito Wheeler, Direktor des Navajo Nation Museum in Window Rock, der von der ganz besonderen Art der Navajo, Forschung zu betreiben und Kultur zu präsentieren, berichten wird.
Von der Tagung erhoffen sich die drei Forscher richtungsweisende Impulse für die deutsche Museumslandschaft und ganz besonders für das geplante Humboldt-Forum, das im rekonstruierten Berliner Stadtschloss seinen Platz finden und die außereuropäische Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beherbergen soll. Die Ergebnisse fließen außerdem in das thematisch anschließende Vorhaben „Experimentierfeld Museologie – ein Projekt zur Vermittlung islamischer Kunst- und Kulturgeschichte“ ein, für das die VolkswagenStiftung im April 2009 rund 600.000 € bewilligt hat. (07/09/09)

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