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Welche Kunst soll gefördert werden?
Jochen Plaßmann weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Der Fortbestand seiner Konzertserie "Best of NRW", die den besten Studierenden der Musikhochschulen des Landes ein Chance gibt, aufzutreten, ist gefährdet. Die Kunststiftung NRW, mit der der Vorstandsvorsitzende der Werner-Richard/Dr.-Carl-Dörken-Stiftung dieses Projekt ins Leben gerufen hat, zieht sich aus der Förderung zurück. 50.000 € hat die Stiftung im vergangenen Jahr für "Best of NRW" zur Verfügung gestellt. Im Jahr davor waren es sogar noch 2.000 € mehr. Jetzt sei er mit dem Argument, die Kunststiftung wolle keine Breitenkultur mehr fördern, sondern nur noch in die Spitze gehen, vom Musikreferenten der Stiftung, Hans-Joachim Wagner, abgefertigt worden, sagt Plaßmann.
“Best of NRW” ist kein Einzelfall. Seit Monaten berichten Kunstschaffende der freien Szene, dass die Kunststiftung NRW die Mittel für ihre Theater-, Musik-, Literatur- oder Tanzproduktionen reduziert oder sogar gestrichen habe. Dass es zu keinem Aufstand kommt, liegt daran, dass die meisten von ihnen von jedem Euro, den sie aus der Stiftung bekommen, abhängig sind und die Hoffnung auf Förderung, auch wenn sie noch so klein und unregelmäßig ist, nicht aufgeben.
Im Kulturrat NRW würden die Probleme mit der Kunststiftung diskutiert, sagt Gerhart Baum, Vorsitzender des Kulturrats und ehemaliger Bundesinnenminister. Vor allem wurde beobachtet, dass die Förderung mit kleineren Beträgen, die oft viel angestoßen haben, zurückgegangen sei. “Es hat mehr Aussicht auf Erfolg, sich mit einem Projekt für 250.000 € zu bewerben, als mit einem für 8.000 €”, sagt Rainer Bode, Geschäftsführer der NRW-Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren. Bode befragt zurzeit seine Mitglieder, um detailliertere Informationen zur veränderten Vergabepraxis der Stiftung zu bekommen.
Die Kunststiftung NRW ist die wichtigste Instanz in NRW für die Finanzierung von Kunstprojekten – neben der Landesregierung. Gegründet vom ehemaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, sorgt sie seit 1990 dafür, dass Erträge aus Lotterien, in Kunstprojekte und Nachwuchsförderung fließen. Zehn Millionen Euro waren es 2006, im vergangenen Jahr 6,7 Mio. €. Laut Satzung soll die Stiftung “herausragende Vorhaben der Präsentation und Dokumentation von Kunst und Kultur” fördern. Doch was sind “herausragende Vorhaben”? Ist ein Projekt wie “Best of NRW”, das die Stiftung selbst mit ins Leben gerufen hat, plötzlich nicht mehr herausragend genug? Ist ein Projekt für 8.000 € weniger wert als eines für 250.000 €? Diese Vorwürfe seien “unsinnig”, sagt Fritz Schaumann. Der FDP-Politiker ist seit zwei Jahren Präsident der Kunststiftung. Von Anfang an machte er unmissverständlich klar, dass für ihn nur ein Kriterium für die Unterstützung von Projekten zähle, und das sei “Qualität”. Er könne auch nicht feststellen, dass in den vergangenen Jahren weniger kleine Projekte gefördert worden seien. Ein Blick in den Rechenschaftsbericht der Stiftung zeigt, dass es nach wie vor Projekte gibt, die “nur” mit dreistelligen Summen gefördert werden. So erhielt der Duisburger Komponist Gerhard Stäbler für einen Kompositionsauftrag 4.000 €, das Essener Tanztheater Christine Brunel für einen Gastauftritt in Mexiko City 3.000 € und das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf 5.000 €. für eine Ausstellung über den Lyriker Thomas Kling.
Doch unter den geförderten Institutionen und Personen herrscht große Verunsicherung darüber, was denn nun eigentlich eine Chance auf Förderung habe. Im Grunde genommen ist das Problem der Kunststiftung mangelnde Transparenz. Kaum ein Antragsteller weiß, was genau die Stiftung unterstützt. Welche Kriterien sie anlegt. Wie sollen Künstler wissen, dass Schaumann jetzt mehr Wert auf Internationalität legt, was so viel bedeutet, dass Projekte gut daran tun, eine Partnerstation im Ausland zu haben? Auch aus den Absagebriefen kann man keine Schlussfolgerungen über Förderungskriterien ziehen – sie enthalten keine Begründungen.
Beim Tanz beispielsweise sei es ganz gravierend, sagt Claudia Nell-Paul, Kuratoriumsmitglied der Kunststiftung und kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. In dieser Sparte seien die bereitgestellten Mittel noch nicht mal abgeflossen. Die Begründung der Tanzjury: Die meisten Anträge seien nicht förderungswürdig. In einen Tanzland wie NRW sei das schlicht nicht vorstellbar, sagt Nell-Paul. Einige Antragsteller argumentieren, sie bräuchten die Fördermittel dringend zum Leben”, sagt Schaumann, “wir sind aber keine Sozialagentur.” Aber manchmal, so Nell-Paul, sei die Förderung von Lebensunterhalt und Projekt nicht trennbar. Auch im Kuratorium sei diese Frage angesprochen worden.
Doch da lässt Schaumann nicht mit sich diskutieren. “Es geht ihm um strukturelle Änderungen”, sagt Gerhart Baum. Gemeint ist, dass der erfahrene Politiker Schaumann keine Scheu davor hat, Kulturpolitik zu machen. So setzte er jüngst eine Expertenkommission ein, die über die Stärken und Schwächen der Kunst in NRW urteilen sollte. Strukturen des Landes zu untersuchen, ist aber eigentlich Aufgabe der Politik und damit die Hans-Heinrich Grosse-Brockhoffs. Der Staatssekretär für Kultur spielte zwar mit, aber Schaumann machte jüngst in einer Diskussion unmissverständlich klar, dass er der Initiator der Kommission sei. Grosse-Brockhoff betont zwar die gute Zusammenarbeit mit Schaumann, doch der gibt sich mit einer Statistenrolle nicht zufrieden. Er will, dass die Kunst in NRW und aus NRW, “wahrgenommen wird” und “international ausstrahlt”. Dafür sucht er die Nähe zum Ministerpräsidenten, was ihm nicht schwer fallen dürfte, schließlich hat Rüttgers seinen ehemaligen Staatssekretär selber eingesetzt. Und Schaumann hat, anders als seine Vorgängerin in der Stiftung, Ilse Brusis, keine Bedenken, gemeinsame Sache mit der Landesregierung zu machen. Da, wo er Entwicklungen beeinflussen kann, macht er das. “Wahrgenommen werden”, das lässt sich natürlich mit großen Projekten leichter bewerkstelligen als mit kleinen. Aber bedeutet Größe auch gleich Qualität?
2006/2007 förderte die Kunststiftung an großen Projekten beispielsweise die “Skulptur Projekte Münster” mit 500.000 €, die Glasgemäldesammlung des Freiherrn vom Stein mit 500.000 € und die Inszenierung “Next level Parzival”, für die Ruhrtriennale mit 200.000 €. Das sind Projekte, die Förderung durchaus verdienen, aber wäre es für die Kunst aus und die Kunst in NRW nicht besser, wenn die Kunststiftung ihre Kriterien transparenter machen würde, damit auch kleinere Kunststücke eine Chance bekommen? (08/12/08)



