Kommunikation & Sponsoring

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Alexander Glück, Die verkaufte Verantwortung

Rezension von K. Jan Schiffer / StiftungsrechtPlus

Das Spendenwesen und Fundraising ist durch einige problematische Einzelfälle in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten und das ist gut so. Kontrolle ist auch hier erforderlich. Eine wirklich provokante, im positiven Sinne polemische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Spendenwesen und Fundraising, dem ihm zugrundeliegenden Menschenbild und Geschäftsmodell, der Denkweise seiner Akteure und der Fragwürdigkeit seiner Instrumente liefert uns nun Glück.

K. Jan Schiffer

Er versteht sein Buch als umfassende, aber konstruktive Spendenkritik auf moralischphilosophischer Ebene. Er will Widerspruch wecken und zum Nachdenken anregen. Auch das ist gut so in unserer reizüberfluteten Welt, in der so manche wichtige Botschaft untergeht. Außerdem erhält der Leser viele Tipps aus dem Spendenmarketing mitgeteilt.

2008 hat der Autor bereits das Buch „Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen“ veröffentlicht. Er argumentiert und plädiert für eine„neue Spendenkultur“, deren Bestandteile ein neuer Fundraiser und ein veränderter Spender sind, die sich wirklich sozial aufmerksam und selbstverantwortlich für die Behebung globaler Missstände einsetzen, anstatt sich mit ihnen zu arrangieren und nur deren Symptome zu bearbeiten. Diese Forderung vertieft er in seinem neuen Buch.

Wer ist dieser erfreulich kritische Autor? Er stellt sich dem Leser so vor:

Geboren 1969 in Usingen/Taunus, widmete er seinen Zivildienst dem Rettungswesen und blieb anschließend während seines sozialwissenschaftlich-geschichtlichen Studiums dem medizinischen Bereich als Pflegehelfer auf einer Akutstation verbunden. Er lebt und arbeitet seit 1996 als Publizist in Wien und Hollabrunn. Während seines Engagements für Hilfswerke in Rumänien ab 2003 beobachtete er aktiv, nicht zuletzt an sich selbst, die Kooperationsstrukturen zwischen Helfern und Unterstützern. Alexander Glück veröffentlichte u. a. in »Frankfurter Rundschau«, »Stern«, »Standard« und »Die Presse«.

Der Autor hat also echten praktischen Einblick gewonnen. Auch das ist gut so. Er kommt u. a. zu folgenden Kernthesen:

* Fundraising ist überwiegend Selbstzweck. * Die Spenden dienen zu erheblichen Teilen der Eigenfinanzierung des jeweiligen Hilfswerks. * Fundraising zielt auf die Entmündigung und emotionale Ausbeutung der Geber. * Fundraiser machen sich bewusst die Affekte des Spenders dienstbar und nutzen dabei alle Werkzeuge des Marketings. Spenden wird so zur Form des Massenkonsums. * Fundraiser lassen sich als „Sozialmakler“ von den Spendern für die Illusion bezahlen, ihre Organisationen übernähmen eine Teilverantwortung für die Verbesserung der Welt. * Die wachsende Branche der Fundraiser präsentiert sich als Antwort auf die von ihr selbst verursachten Tendenzen steigenden Konkurrenzdrucks.

Zu seinen Thesen gelangt der Autor aufgrund eigener Erfahrungen und griffiger Beispiele aus der Praxis. So legt er seine Ansicht zu den Mechanismen subtiler Führung, Unterhaltungslust, Sozialromantik, Gruppendruck und Euphorisierung im Spendenwesen ganz deutlich offen. Er schreibt bildreich und präzise, aber auch, wie der Verlag einräumt, mitunter (bewusst) überspitzt und plakativ. Er kritisiert eine aus seiner Sicht auf das Prinzip der Verantwortungsverschiebung aufgebaute Spendenkultur. Zwar sieht der Autor die Arbeit der Hilfsorganisationen als grundsätzlich sinnvoll und notwendig an. Vehement wendet er sich aber gegen die aus seiner Sicht technisierte und kostspielige, letztlich aus Spenden finanzierte Instrumentalisierung von Elend und Mitgefühl.

Pointiert zusammengefasst sieht es Glück so: Der Fundraiser präsentiert Missstände und gleichzeitig Lösungen. Der Spender stellt die Mittel bereit und übergibt seine menschliche Verantwortung.

Fazit: Lesen, nachdenken, widersprechen und/oder aus dem Buch für die Praxis lernen. (Quelle: Rechtsanwalt Dr. K. Jan Schiffer, StiftungsrechtPlus, 01/2010)


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