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Bildungsreform - Was Berlin und New York voneinander lernen können
Studie "A Tale of Two Cities: Education Reform in New York City and Berlin" von FSG Social Impact Consultants im Auftrag der Robert Bosch Stiftung
Mehr Autonomie für Schulen, umfassende Leistungsverantwortung und der Ausbau von Führungskompetenzen sind die drei wichtigsten Bausteine erfolgreicher Bildungsreformen. Dies ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie zum Vergleich der Bildungsreformen in New York City und Berlin, die jetzt im Auftrag der Robert Bosch Stiftung veröffentlicht wird.
Dabei wird deutlich, dass trotz bestehender Unterschiede der Schulsysteme sich beide Städte der Herausforderung stellen müssen, erfolgreiche und funktionierende Schulen auch in sozial schwierigen Umfeldern zu erhalten oder aufzubauen. Zwischen dem – sozioökonomisch bedingt – leistungsstärksten und leistungsschwächsten Stadtteil unterscheiden sich die Schülerleistungen in New York um bis zu 26 Prozent, in Berlin sind es sogar über 30 Prozent. Seit 2002 hat die Bildungsverwaltung in New York systematisch Reformen auf den Weg gebracht, die für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen sollen. Der Blick über den Atlantik lohnt sich also, wenn es um zukunftsweisende Entwicklungen im Bildungssystem geht.
Ausgangspunkt der Studie war eine transatlantische Konferenz, die im Herbst 2011 in New York stattfand. Eine Delegation der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft diskutierte mit Vertretern des New York City Department of Education und weiteren Bildungsexperten über Strategien und konkrete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung des Schulsystems.
Initiiert wurden die Erstellung der Studie sowie die Auftaktkonferenz von der Robert Bosch Stiftung. Ziel ist es, durch eine Bildungsbrücke New York – Berlin innovative Konzepte zur Herstellung größerer Bildungsgerechtigkeit für das deutsche Schulsystem nutzbar zu machen. In Berlin sollen in enger Zusammenarbeit mit der dortigen Bildungsverwaltung wirksame Interventionen für nicht oder nur schlecht funktionierende Schulen entwickelt werden.
Bei Schulen in kritischer Lage ansetzen
Die Studie zeigt, dass der Umgang mit leistungsschwachen Schulen in sozialen Brennpunkten ein wesentlicher Motor für Veränderung ist. Nicht umsonst hat in den USA das Thema nationale Bedeutung: Die Obama-Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die schlechtesten fünf Prozent der US-amerikanischen Schulen (die immerhin 2,5 Millionen Schüler unterrichten) wieder in funktionierende Organisationen zu verwandeln, ihnen den “Schul-Turnaround” zu ermöglichen.
New York City ist bereits seit einer Dekade dabei, den Wandel zu vollziehen und hat ambitionierte, wenn auch nicht immer unumstrittene Reformen angestoßen. Alle Maßnahmen der Bildungsverwaltung sind darauf ausgerichtet, Leistungsdefizite und -unterschiede auszugleichen, die Übernahme von Verantwortung auf Schulebene zu verstärken und die Transparenz im System zu erhöhen.
In Berlin sind mehr als ein Drittel der schulpflichtigen Kinder den bekannten Risikolagen (ökonomisches, soziales oder bildungsbezogenes Risiko) ausgesetzt. Ihre Bildungschancen verschlechtern sich erheblich, wenn diese Benachteiligungen nicht durch gute Bildungsangebote ausgeglichen werden können. Besonders schwerwiegend sind die Folgen für die Bildungs- und Lebenswege der Kinder und Jugendlichen, wenn sie gar Schulen besuchen, die als “umfeldbedingte Krisenschulen” (Failing Schools) ihrem Auftrag nicht mehr gerecht werden.
Die Teilnehmer der Konferenz waren sich einig, dass Schulversagen in den sozialen Brennpunkten von Großstädten wie Berlin und New York ein dringliches Problem ist, dem mit gezielten Maßnahmen begegnet werden muss.
Was hilft gegen Schulversagen?
Von großer Bedeutung ist die Balance zwischen Autonomie und Kontrolle durch Leistungsüberprüfung. In New York schaffen verbindliche Regelungen zum Beispiel zur Erhebung von Leistungsdaten Transparenz und Vergleichbarkeit, die nötige Flexibilität erhält das System durch den Grundsatz der Subsidiarität: Entscheidungen sollen immer von denjenigen Personen getroffen werden, die die Bedürfnisse der Schule vor Ort am besten kennen. Dazu sind entsprechende Führungskompetenzen auf allen Ebenen erforderlich.
Die Leistungsverantwortung, die der einzelnen Schule in New York übertragen wurde, geht Hand in Hand mit weit reichenden Freiheiten im Finanz- und Personalmanagement. Um die neuen Handlungsspielräume zielorientiert nutzen zu können, erhalten Schulen dort externe Unterstützung in Form von Supportteams und Netzwerken, die Zuordnung von Schulen zu Bezirken wurde aufgehoben. In der Konsequenz können sich Schulen auf die Leistung ihrer Schüler und die Verbesserung der Unterrichtsqualität konzentrieren.
Vor diesem Hintergrund sind auch die konkreten Maßnahmen des “Schul-Turnaround” zu sehen, wie sie in New York zum Einsatz kommen. Darunter finden sich mehrjährige Entwicklungsprozesse einzelner Schulen, die durch spezialisierte Teams begleitet werden, oder auch die gezielte Entwicklung von Clustern ähnlich leistungsschwacher Schulen. Eine Besonderheit ist die Übergabe der Schulträgerschaft (und damit des Budgets pro Schüler) an einen privaten, meist gemeinnützigen Schulträger, der auf Schul-Turnaround spezialisiert ist.
Bei der Schulentwicklung spielt die Schulleitung eine zentrale Rolle. Um Schulleiter umfassend zu qualifzieren und ihre Führungskompetenzen auszubauen, wurde unter anderem 2003 die New York City Leadership Academy gegründet. Dort werden in einem herausfordernden 14-monatigen “Aspiring Principals”-Programm Nachwuchsführungskräfte speziell für ihren Einsatz als Schulleiter an Schulen in kritischer Lage ausgebildet.
Praxisprojekt in Berlin geplant
Als ein Ergebnis der Konferenz will die Berliner Senatsverwaltung gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung ein Programm für Schulen in kritischer Lage initiieren, in das die Erfahrungen aus New York einfließen werden. Die Erkenntnisse aus diesem Projekt können für Schulen in ganz Deutschland richtungsweisend sein, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. (01/02/12; Quelle: Robert Bosch Stiftung)



