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Immer mehr gewalttätige kulturelle Konflikte?
Die düstere Prognose vom heraufziehenden „Krieg der Kulturen“ rund um den Globus hat sich nach Einschätzung von Konfliktforschern bislang nicht bewahrheitet. Die Zahl der vordergründig kulturell geprägten Konflikte in der Welt sei in den vergangenen 25 Jahren zwar sprunghaft gestiegen. Gegensätzliche Werte oder kulturelle Zersplitterung in Sprache und Religion oder unterschiedliche historische Erfahrungen seien aber nicht die Hauptursache von Konflikten. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Instituts für Politische Wissenschaften der Universität Heidelberg.

Foto: Bertelsmann Stiftung
Dabei zeigt sich aber auch, dass kulturelle Konflikte vor allem innerhalb von Staaten auftreten und nur selten zwischen verschiedenen Staaten zu beobachten sind. So sind vier von fünf kulturellen Konflikten ausschließlich innerstaatliche Phänomene. “Den von vielen prognostizierten ‘Zusammenprall der Kulturen’ wie der des Westens mit dem Islam können wir somit auf internationaler Ebene nicht erkennen”, bilanziert Malte Boecker, Senior Expert der Bertelsmann Stiftung. “Dennoch müssen kulturelle Faktoren und Strukturen als verschärfende Faktoren von Konflikten ernster wahrgenommen werden, als dies besonders bei dialogorientierten Akteuren bislang der Fall war. Aber kulturelle Faktoren sind keine Mastervariablen, die im Alleingang das weltweite Konfliktgeschehen erklären können.”
Denn gleichzeitig konnte die Studie nachweisen, dass kulturelle Faktoren nicht die alleinige oder wichtigste Ursache darstellen. So zeigen sich andere Faktoren als bedeutsam. Insbesondere ein sehr hoher Anteil an männlichen Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder in einem Land im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (Youth Bulge) erhöht durchgängig die Wahrscheinlichkeit von Konflikten. Andere Faktoren sind vor allem das Maß an Unterentwicklung, ein geringes Wirtschaftswachstum, die Menge der zur Verfügung stehenden Agrarfläche oder das Niveau der Demokratisierung in einer Gesellschaft. Keinen eindeutigen Einfluss hatte der Zustrom von Migranten. Als eine besonders kritische Konstellation sieht die Studie insbesondere einen hohen Anteil männlicher Jugendlicher und die sprachliche Zersplitterung in einem Land. Sind beide Faktoren hoch ausgeprägt, erhöht dies insbesondere die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von besonders gewaltintensiven kulturellen Konflikten. Nicht bestätigen konnte die Studie dagegen die Annahme, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad der religiösen Zersplitterung und der Anzahl von Konflikten gibt. Hier zeigten sich die besonders fragmentierten wie auch die religiös sehr homogenen Gesellschaften relativ konfliktarm.
Trotz der deutlichen Zunahme an kulturellen Konflikten kommen die Autoren der Studie nicht zu einer pessimistischen Prognose. “Gemessen an der Zahl der potenziellen Konfliktlinien kann die Anzahl der tatsächlichen gewaltsamen Konflikte insgesamt als verschwindend gering bezeichnet werden”, äußert sich Prof. Aurel Croissant von der Universität Heidelberg zu den Befunden der Studie. Außerdem sei aus dem Vergleich unterschiedlicher Gesellschaften kein Automatismus zwischen kultureller Fragmentierung, Konflikten und Gewalt erkennbar: “Keine einzige vorstellbare kulturelle Zusammensetzung einer Gesellschaft muss zwangsläufig zum Konflikt oder gar zur Gewalt führen. Kulturelle Prägung mag Schicksal sein, kulturelle Konflikte sind es nicht.”
Über die Studie:
Die aktuelle Konfliktstudie entstand in Zusammenarbeit der Bertelsmann Stiftung mit dem Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg unter der Leitung von Prof. Aurel Croissant und Prof. Uwe Wagschal. Sie fußt auf der Auswertung der Konfliktdatenbank CONIS, die weltweit das Konfliktgeschehen seit 1945 erfasst. Die Studie untersucht dabei empirisch, in welchen Konflikten kulturelle Faktoren eine Rolle spielen und inwieweit sie das Konfliktgeschehen hinsichtlich der Gewaltintensität beeinflussen. Die aus ihr folgenden Erklärungen sollen einen Beitrag leisten zur Weiterentwicklung des Kulturdialogs für ein friedliches Miteinander in einer globalisierten Welt. (16/09/09)



