Organisation & Finanzen

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Zwischen Lippenbekenntnissen und aufrichtiger Offenheit

Das Ringen um Transparenz im Dritten Sektor

von Burkhard Wilke, Berlin

Wann immer sich in unserer Gesellschaft eine Krise ereignet oder auch nur ankündigt, ist der Ruf nach mehr Transparenz ein sicherer Reflex bei Krisenmanagern, Medien und potenziellen Krisenprofiteuren. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft und den Dritten Sektor gleichermaßen. Der Reputation von „Transparenz“ und der dahinter stehenden Grundhaltung ist das nicht unbedingt zuträglich. Viele der Äußerungen entpuppen sich später als Lippenbekenntnisse. Der Transparenz-Begriff droht zu inflationieren.

Krisen provozieren aber nicht allein wohlfeile Lippenbekenntnisse, sondern schaffen auch öffentlichen Druck und ein erhöhtes Problembewusstsein bei Verantwortungsträgern, die der wirklichen Transparenz förderlich sind. So haben in Folge der Krise beim Deutschen Komitee von UNICEF e.V. auch zahlreiche andere Organisationen ihre Leitungs- und Aufsichtsstrukturen verbessert, ihre Fundraising-Praktiken überprüft und den Informationsgehalt ihrer öffentlich zugänglichen Jahresberichte erhöht. Bei den Dachverbänden hat sich die seit mehreren Jahren zu beobachtende Entwicklung eigener Verhaltenskodizes beschleunigt fortgesetzt.

Aber auch unabhängig von konkreten Krisen ist eine langfristige Entwicklung zu mehr Transparenz und Offenheit im gemeinnützigen Sektor und hier vor allem bei den Spenden sammelnden Organisationen zu beobachten. Seit mindestens 20 Jahren gilt: blindes Vertrauen ist „out“ – informiertes Vertrauen ist „in“. Die erfolgreiche Entwicklung des DZI Spenden-Siegels, das auf maßgebliche Anregung vieler Spendenorganisationen eingeführt worden war, belegt dies mit inzwischen 240 ausgezeichneten Organisationen, die ein gemeinsames jährliches Sammlungsvolumen von 1,4 Mrd. € aufweisen.

Transparenz schafft Vertrauen.
Die Transparenz schafft heute entscheidende Grundlagen für das Vertrauen zwischen gemeinnützigen Organisationen und ihren vielfältigen „Stakeholdern“ – etwa den Spendern, Mitgliedern und Medien. Transparenz bedeutet nicht nur Durchschaubarkeit, sondern auch Sichtbarkeit. Die Offenlegung nach der Devise „useful to know“ anstelle des ängstlichen „need to know“ birgt für die einzelne Organisation wie auch den Sektor als Ganzes die Chance, in der allgemeinen Öffentlichkeit viel stärker als bisher mit Leistungen und Besonderheiten wahrgenommen zu werden.

Damit die inzwischen entstandenen vielfältigen Formen von Transparenz optimal eingesetzt werden können, muss die Unterschiedlichkeit ihrer Ansätze und Aussagekraft kenntlich gemacht werden: – Direkte Transparenz: verbesserte Eigeninformationen der Organisationen an ihre „Stakeholder“ – Selbstregulierung: Verhaltenskodizes und Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung von Dachverbänden – Geprüfte Transparenz: Testierte Jahresabschlüsse, Spenderberatung und Spenden-Siegel des DZI

Direkte Transparenz
Das wohl wichtigste Element direkter Transparenz ist ein aussagekräftiger Jahresbericht. Dieser sollte umfassend und leicht verständlich über die Ziele und das besondere Profil der Organisation informieren, ihre Leitungs-, Aufsichts- und Mitarbeiterstruktur (einschließlich Gremienbesetzung und Vergütungsstruktur), die wichtigsten Projekte sowie deren Erfolge aber auch Misserfolge, und nicht zuletzt die Finanzlage (Einnahmen, Ausgaben, Vermögenslage) vollständig und nachvollziehbar dokumentieren. Dazu gehören auch ein allgemeines Informations- und Auskunftsverhalten, eine ansprechende (nicht zuviel versprechende) Website, Informationen über einzelne Projekte sowie eine klar formulierte, informative, überwiegend sachlich gestaltete Spendenwerbung.

Selbstregulierung
Instrumente der Selbstregulierung sind in Deutschland vor allem die Selbstverpflichtungen, die z.B. die Mitglieder des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen – VENRO, des Deutschen Fundraising Verbandes und – schon seit 1993 – des Deutschen Spendenrats freiwillig eingehen. Die Einhaltung wird von den jeweiligen Dachverbänden nicht im Einzelnen überprüft, doch können Beschwerdemechanismen von Interessierten angerufen werden. Zur Selbstregulierung im weiteren Sinne sind neben innerverbandlichen Orientierungshilfen (z.B. Diakonischer Governance-Kodex) auch Angebote zu zählen, die der Qualitätsentwicklung wichtiger Teilbereiche des gemeinnützigen Sektors dienen. Da wären zu nennen die Ausbildungsangebote der Fundraising-Akademie in Frankfurt am Main, das von ihr jüngst entwickelte Fundraising Management System („Total Quality Excellence“) sowie die Weiterbildung von Spitzen- und Dachverbänden in puncto Governance, betriebswirtschaftlicher Steuerung etc.

Geprüfte Transparenz
Für geprüfte Transparenz im Spendenwesen sorgt in Deutschland insbesondere die Arbeit des 1893 gegründeten DZI. Seit 1906 betreibt es Spenderberatung, d.h. es stellt auf Anfrage Auskünfte und Einschätzungen zu allgemeinen Themen und einzelnen Organisationen auf der Grundlage eigener Recherchen zur Verfügung. Seit 1992 wird diese Spenderberatung ergänzt durch das DZI Spenden-Siegel, ein Angebot an überregional sammelnde, gemeinnützige Spendenorganisationen, sich freiwillig der besonders intensiven, jährlichen Prüfung durch das DZI zu unterziehen, um im positiven Fall mit diesem Siegel öffentlich werben zu können. Geprüfte Transparenz erfordert die Unabhängigkeit des Prüfers vom Geprüften. Beim DZI ist diese Unabhängigkeit gegeben, da es von allen drei Sektoren (Staat, Wirtschaft, Gemeinnütziger Sektor) gleichermaßen getragen wird. Eine Nebenform geprüfter Transparenz ist der 2005 erstmals vergebene Transparenzpreis der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC), bei dem besonders aussagekräftige Jahresberichte großer Spendenorganisationen prämiert werden.

Klarheit über Transparenz
Selbstverpflichtungen ohne unabhängige Überprüfung in der Öffentlichkeit sollten nicht durch missverständliche Darstellungsweisen den Eindruck erwecken, als erfüllten sie die Bedingungen einer unabhängigen Akkreditierung. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Methoden des Qualitätsmanagements, die primär eine organisationsinterne Beobachtungs- und Steuerungsfunktion haben und somit nicht mit Synonymen externer Aussagewirkung wie „Siegel“ in Verbindung gebracht werden sollten. „Zertifizierung“ wäre hier der angemessene Begriff.

Aktuelle Entwicklungen
Die Zahl der Verhaltenskodizes von Dachverbänden hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren stark erhöht. Inzwischen liegen von einzelnen Dachorganisationen sogar schon mehrere Kodizes zu unterschiedlichen Themen vor. So haben sich die Mitglieder von VENRO neben ihrem Ethikkodex für entwicklungsbezogene Öffentlichkeitsarbeit seit Ende des Jahres 2008 zusätzlich eine Selbstverpflichtung für „Transparenz, Organisationsführung und Kontrolle“ auferlegt. Der Deutsche Caritasverband und das Diakonische Werk der EKD, die bereits über umfassende Governance-Richtlinien verfügen, haben angekündigt, in Kürze zusätzlich gemeinsame „Transparenzstandards“ für ihre Mitgliedsorganisationen und Einrichtungen zu veröffentlichen.

Das DZI wird seine 2007 begonnene, umfassende Überarbeitung der Spenden-Siegel-Leitlinien voraus-sichtlich bis Ende 2009 abschließen. Darin werden u.a. die Anforderungen an Leitung und Aufsicht, die Wirkungskontrolle und die veröffentlichten Jahresberichte erhöht. Das DZI bereitet derzeit außerdem die regelmäßige Veröffentlichung einer jährlichen deutschen Spendenstatistik vor, die die allgemeine Transparenz und „Sichtbarkeit“ des Spendenwesens nachhaltig vergrößern soll. Eine wichtige Grundlage werden dafür die Erkenntnisse des Forschungsprojekts sein, das das DZI derzeit im Auftrag des Bundesfinanzministeriums zur Evaluierung der Auswirkungen des 2007 geänderten Spenden- und Gemeinnützigkeitsrechts durchführt.

Das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IdW) arbeitet seit einigen Jahren an neuen Empfehlungen für die Rechnungslegung Spenden sammelnder Organisationen. Dadurch dürfte sich die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse dieser Organisationen zukünftig erhöhen.

Unter den vielen neuen Angeboten von Transparenz gibt es auch problematische Erscheinungen. So hat beispielsweise das Unternehmen Media Planet im Dezember 2008 eine kommerzielle Zeitungsbeilage mit Informationen zum Spendenwesen produziert – an sich eine begrüßenswerte Idee. Dort werden jedoch redaktionelle Texte („Editorials“) mit bezahlten Anzeigentexten („Advertorials“) in einer Weise kombiniert, die dem besonders hohen Transparenzanspruch im Spendenwesen nicht gerecht wird. Auch das neue Spendenportal www.betterplace.de, das mit dem Slogan „Das transparente Spendenportal“ wirbt, wird diesem Anspruch nicht ausreichend gerecht. Zwar verspricht „betterplace“ eine 100 %-ige Weiterleitung der Spendengelder, macht aber nicht deutlich, dass dieses Versprechen nicht mehr gelten kann, wenn sie das Geld an eine Spendenorganisation weitergibt. In den Fällen wiederum, wo sie die Spenden direkt an die zu fördernden Personen auszahlt, mag dies zwar zu 100 % geschehen. Jedoch macht das Spendenportal nicht ausreichend deutlich, dass der Verzicht auf die Einschaltung einer erfahrenen Spendenorganisation in der Regel zu einem erhöhten Risiko des Spendenmissbrauchs bzw. einer unzureichenden Qualität des unterstützten Vorhabens führt.

Kurz & Knapp
Transparenz schafft Vertrauen. Nicht eingelöste Transparenzversprechen aber zerstören Vertrauen. Aus diesem Risiko erwächst eine Verantwortung für die Entscheidungsträger im gemeinnützigen Sektor, sich um Selbstverpflichtung, direkte und geprüfte Transparenz zu bemühen.

Burkhard Wilke ist Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), wilke@dzi.de.
Der Artikel ist erschienen in Stiftung&Sponsoring 2/2009

www.dzi.de

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